Die neue Abflugroute "Cindy S“ soll für mehr Ruhe in Darmstadt sorgen. Doch der Fluglärm des Frankfurter Flughafens verlagert sich und sorgt andernorts für Beschwerden.
Erst seit ein paar Tagen läuft der Testbetrieb der südlichen neuen Abflugroute "Cindy S" des Frankfurter Flughafens, doch schon mehren sich Klagen. Während die Route die Bürger im Norden Darmstadts von Fluglärm entlasten soll, klagen andere, dass der Lärm bei ihnen deutlich zugenommen habe.
Mörfelden-Walldorf: "Offenbar wurde es lauter"
Zum Beispiel in Mörfelden-Walldorf. "Die Leute rufen an und schreiben E-Mails", sagt der scheidende Bürgermeister, Thomas Winkler (Grüne). "Offensichtlich wurde es bei uns lauter. Dabei ist uns vor Beginn der Testphase versprochen worden, dass unsere Ortslage nicht betroffen sein wird".
Audio00:40 Min.||Stefanie Hofmann
Auch entstehe der Eindruck, dass mehr Flüge dicht an der Kommune vorbei gingen als vorher, so Winkler weiter. Betroffen seien davon vor allem Anwohner im Süden von Mörfelden.
Darmstädter Norden soll entlastet werden
Seit dem 10. Juli ist Cindy S (früher "Amtix kurz") im Testbetrieb. Dabei machen in Richtung Süden abfliegende Maschinen einen Bogen um den Norden Darmstadts. Anstatt über die Stadtteile Wixhausen und Arheilgen führt die Route nun zwischen Wixhausen und Erzhausen (Darmstadt-Dieburg) hindurch.
Dadurch sollen im Norden Darmstadts tausende Menschen weniger von Fluglärm betroffen sein. Dass andere in weniger dicht besiedelten Regionen stärker belastet würden, hatte das Forum Flughafen und Region (FFR), bestehend aus Vertretern der Luftfahrt, Politik und Gesellschaft, schon angekündigt.
"Es wird insgesamt eine Lärmentlastung für die Region erzielt, da insgesamt erheblich weniger Personen belastet werden", heißt es in einer Pressemitteilung vom 9. Juli. Auch wenn in weniger dicht besiedelten Bereichen wie etwa in Erzhausen neue Belastungen entstünden.
Wird die Route verfehlt?
Es gibt allerdings auch Klagen, dass die neue Route vielfach gar nicht eingehalten werde. Die Wixhausenerin Catalina Blümel sagt:"Wir nehmen es so wahr, dass nicht zwischen Wixhausen und Erzhausen geflogen wird, sondern eher über Wixhausen."
Für Blümel und ihre Nachbarn im neuen Baugebiet WX8 sei die Lärmbelastung erheblich gestiegen. "Es ist viel schlimmer als vorher", sagt sie. Während sich der Flugverkehr früher zwischen den nördlichen Stadtteilen verteilt habe, konzentriere er sich jetzt über Wixhausen.
DFS sieht keine grundsätzliche Abweichung
Die Deutsche Flugsicherung (DFS) weist die Darstellung zurück, dass Wixhausen direkt überflogen werde. Der Flugverkehr bewege sich weiter nördlich , was möglicherweise durch eine erhöhte Aufmerksamkeit stärker wahrgenommen werde, teilt die DFS auf Anfrage mit. Nur vereinzelt sei wegen medizinischer Notfälle oder Wetterabweichungen auf der alten Route geflogen worden.
Dass man in Mörfelden-Walldorf seit einigen Tagen eine Zunahme des Flugverkehrs wahrnimmt, führt die DFS auf die Ferienzeit zurück. Diese bringe einen stärkeren Flugreiseverkehr in Richtung Süden mit sich.
Umweltamt: "Kaum Beschwerden von Darmstädtern"
Die Stadt Darmstadt teilt auf Anfrage mit, dass in den ersten fünf Tagen des Probebetriebs etwa 35 Beschwerden beim Umweltamt eingegangen seien. Diese stammten aber bisweilen von den gleichen Perrsonen und zum Teil aus anderen Kommunen. "Quantitativ ist die Zahl der Beschwerden von Darmstädter Bürgerinnen und Bürgern damit eher gering."
Tatsächlich haben den hr auch negative Berichte aus Egelsbach (Offenbach) erreicht. Dort würden die Flieger nun in einer niedrigeren Höhe und somit lauter wahrgenommen. Anwohner beklagten sich auch über die Doppelbelastung durch den dortigen Flugplatz mit kleineren Jets und Hubschraubern und die gleichzeitige Nähe zum Frankfurter Flughafen.
Direktfreigaben ermöglichen Überflüge
Klagen kommen auch aus Messel (Darmstadt-Dieburg). "Sehr viele Piloten" würden direkt über den Ort fliegen, teilt ein hessenschau.de-Nutzer per Mail mit. Damit würden diese zwar Zeit sparen, doch die Anwohner hätten nun den Lärm.
Bei solchen Flügen handele es sich um sogenannte Direktfreigaben, erklärt die DFS. Diese habe es auch früher schon gegeben. Allerdings sei die Mindesthöhe dafür heraufgesetzt worden, was die Lärmbelastung reduziere.
Sie betrage 6.000 Fuß (etwa 1.830 Meter) für Jets und 3.500 Fuß (etwa 1.070 Meter) für Propellermaschinen. Die Direktfreigabe muss durch den jeweiligen Fluglotsen erfolgen.
Freude in Arheilgen und Kranichstein über weniger Lärm
Des einen Leid ist des anderen Freud. Im Darmstädter Stadtteil Arheilgen registriert man seit dem Start der Testphase einen deutlichen Rückgang des Fluglärms. "Es war in Arheilgen noch nie so leise", freut sich Burkard Gaugler von der Interessengemeinschaft Arheilger Bürger (IGAB), die sich mit Themen der Raum- und Verkehrsplanung im Stadtteil befasst.
Auch Anwohnerin Nina Hecker, die sich gerade wegen des Themas Fluglärm früher selbst in der IGAB engagiert hatte, ist über die neue Situation glücklich. "Es ist auf jeden Fall ruhiger geworden", sagt sie. Ihr tue jeder leid, der von Fluglärm betroffen sei. "Aber ich denke, jetzt sind auf jeden Fall weniger Menschen belastet als vorher." Und das sei eine gute Sache. "Ich hoffe, dass es so bleibt."
In Kranichstein ist man ebenso erfreut über die neue Entwicklung. "Die Welt ist komplett anders geworden", sagt Heribert Varelmann von der Stadtteilrunde Kranichstein, der dort seit Jahrzehnten lebt. Die Flieger würden dort jetzt höher und kleiner wahrgenommen und seien so weniger belastend.
Rund 40 Anwohner hätten die Routenänderung mit einem Flashmob auf der Brentanowiese begrüßt. Auch ihn erreichten Klagen von Bekannten aus Wixhausen. "Das tut einem schon weh", sagt Varelmann. Er hoffe, dass es auch für andere besser werde, wenn sich das System noch besser eingespielt habe.
Intensives Monitoring während Testbetrieb
Ein Jahr lang soll die neue Route ausprobiert werden. Dabei wird laut FFR ein umfassendes Monitoring durchgeführt, um zu untersuchen, wie wirksam die Maßnahme im Hinblick auf eine Entlastung der Anwohnerinnen und Anwohner ist. Dazu werden Flugspuren und Fluglärm-Messungen ausgewertet.
Durchgeführt werden diese Untersuchungen vom Umwelt- und Nachbarschaftshaus (UNH), einer vom Land Hessen getragenen Anlaufstelle, in Zusammenarbeit mit der DFS, dem Flughafen und der Lärmschutzbeauftragten. Das UNH soll unter anderem unabhängig informieren und Transparenz beim Thema Fluglärm schaffen.
Umwelthaus: Keine Probleme mit neuer Route
Demnach kam es in den ersten fünf Tagen des Testzeitraums zu keinerlei fliegerischen Problemen mit der neuen Abflugroute. Eine Flugspuren-Grafik vom ersten Tag zeigt, dass ein Flieger direkt über Messel, einige weitere nahe daran vorbeiflogen. Hierbei handele es sich wahrscheinlich um die erwähnten Direktfreigaben, so das UNH.
Ob sich am Flugverhalten systematisch etwas ändere, könne erst nach einiger Zeit ausgewertet werden, erklärt das UNH. Dies werde voraussichtlich nach etwa drei Monaten der Fall sein.
Beschwerden ans städtische Umweltamt
In Mörfelden-Walldorf will man nun abwarten, wie sich die Lärmbelastung mit der neuen Route entwickelt. Die Stadt weist darauf hin, dass Beschwerden an das städtische Umweltamt gerichtet werden können. Weitere Anlaufpunkte seien die Fluglärmbeauftragte des Landes Hessen und die Fluglärmbeschwerdestelle des Flughafens.